31.01.2019 SCSL Neuer Körungsmodus

NEUGESTALTUNG DES KÖRUNGSABLAUFS DES SCSL
KOMPLETTE UMSTRUKTURIERUNG AB DEM JAHR 2020

Ab der Körung 2020 kommt es zu einem Novum in dem traditionellen Hengstkörungsablauf. Das Freispringen der Hengste wird komplett aus dem Körprogramm gestrichen. Weshalb?
Dafür gibt est unseres Erachtens mannigfache Gründe, die man im Detail anhand der aktuellen Situation in der europäischen Zuchtszene näher beleuchten sollte.

IST – ZUSTAND

Wenn man die Entscheidung triift, dass eine komplette Umstrukturierung vonnöten ist, bedingt
dies vorab einer kritischen, minutiösen Beleuchtung des aktuellen Ist-Zustands der Reitpferdezucht, dies im Zuge der immer weiter voranschreitenden Globalisierung.

Derzeitige Aufzucht

Durch die Datenvorgabe der alljährlichen Körungen, welche oft Ende des Jahres stattfinden, werden Junghengste spätestens ab dem 1. Juli des laufenden 2jährigen Jahrgangs aufgestallt, werden herausgefüttert, longiert und dementsprechend auf das Freispringen vorbereitet. Dies hat zur Folge, dass diese Junghengste nie mehr eine längere Weidezeit unter Altersgenossen genießen können und werden somit, um es etwas drastisch zu formulieren, einem Teil ihrer Jugend beraubt.

Die aktuellen Körveranstaltungen haben nichts mehr gemeinsam mit Zucht- sondern sind zu reinen Verkaufsveranstaltungen degeneriert. Allesamt sind die Experten der Körkomissionen mit dem Phänomen konfrontiert, dass man ihnen “getriebene” Hengste, welche zum großen Teil ihre Wachstumsphase noch nicht abgeschlossen haben, vorstellt, welche dann über schwindelerregende Höhen über die Sprünge katapultiert werden, um die Gunst sowohl der Körkommission wie auch der potentiellen Ankäufer zu erwerben.

Aktuelle Körungen

Wenn die Körkommission konsequent einschreiten würde bei Hengsten, denen man sicherlich Vogelfutter in die Tagesration beigemischt hat, so müssten weitgreifende Entscheidungen getroffen werden, um diesem unseligen Treiben eine Ende zu bereiten.
Die Körkomission ist somit direkt oder indirekt mit den Vorgaben des veranstaltenden Verbandes konfrontiert, Entscheidungen zu treffen, die nach außen für die Allgemeinheit nachvollziehbar sind, d.h. den Interessen des Verbandes dienen. Eine sicherlich nicht leichte Aufgabe.
Wenn man also nach strikt nachvollziehbarer Wertigkeit kören würde, d.h. jene Überflieger ausschließe, würden diese Vorsteller zukünftig ihre Hengste bei einem Verband vorstellen, dessen Kommission nachsichtiger wäre. Man will sich aber nicht selbst aufs Kinn spucken, um keine potentiellen Zucht- oder Kaufpotentaten an die Konkurrenz zu verlieren. Man braucht sich insbesondere nur in Deutschland den Wanderzirkus anzusehen, bei dem Hengsthalter aus den sogenannten Hauptzuchtgebieten überall in Deutschland ihre Hengste auf den verschiedensten Körplätzen vorstellen, in der Hoffnung auf wohlwollende Akzeptanz.
Da es sich um reine Verkaufsveranstaltungen handelt, wie eingangs schon erwähnt, darf man in diesem Entscheidungszusammenhang die Vermarktungschancen der Vorsteller nicht mindern, sondern im Gegenteil fördern. Man wird uns sicher entgegen halten, Pferde züchte man ja schließlich um sie auch zu vermarkten.

Böse Zungen behaupten, es gäbe sogar das eine oder andere Mitglied einer Kommission, das seine eigenen Hengste kören würde. Wenn dem so wäre, ein Schelm, der dabei Böses denkt! Wir hoffen nicht, dass dem so ist, aber wenn dies der Fall ist, wo wäre dann das wachsame Auge der Presse geblieben? Das kritische Auge der Presse wird doch nicht einäugig oder blind geworden sein, oder haben die geschalteten Werbungen die Sehkraft der Berichterstatter vermindert? Wir hoffen, dass dies nur Fake News sind!

Nachdem die Pferde gekört sind, werden sie dann auf Veranstaltungen der einzelnen Deckstationen den Züchtern vorgestellt. Was geschieht dort? Den Züchtern werden dieselben gekörten Tiere nochmals gepuscht bis zum Gehtnichtmehr und als der bestmögliche Partner ihrer Stuten angepriesen. Auf Grund dieses Freisspringens (Körung und Hengstpräsentation) kann kein wirklicher Pferdemann eine vernünftige Aussage machen bezüglich der definitiven Qualität dieses Pferdes. Die wichtigen Daten unter dem Reiter fehlen komplett: Rittigkeit / Reitqualität, wie geht der Hengst mit dem Reitergewicht und dem Gebiss um usw. Wir brauchen schöne, gesunde Pferde, die vom normalen Reiter zu bedienen sind.

Die Zuchtverbände beklagen allerorts, dass immer weniger gestandene Pferdezüchter sich am Zuchtgeschehen beteiligen. Dieser Umstand erleichtert nicht die Aufgabe der Zuchtverbände!
Die Alteingesessenen werden oft abgelöst von Neueinsteigern, denen man wiederum bei der Hengstvorstellung, wo oft hunderte Zuschauer anwesend sind, bei der Freisspringakrobatik die Superqualität eines Hengstes vorgaukelt, ohne dass man über die Rittigkeit oder Reitqualität irgendetwas weiß! Bei dem rezenten 50 Tagetest für Hengste in Adelheidsdorf waren keine 20 Zuschauer präsent. Dort hätte man sich vor Ort genau über alle Hengste in Bezug auf Rittigkeit z.B. oder ob der Hengst selbst normalen Reitansprüchen gerecht werden kann, informieren können. Anhand dieser Tatsachen können wir nicht umhin festzustellen, dass wir alle gemeinsam als Zuchtverbände versagt haben. Auch die Züchter müssen selbst das Turniergeschehen intensiv verfolgen, anstatt sich auf die Hengstvorstellungen zu fokussieren!

Abgesehen davon, dass dieses Freispringen der Hengste teilweise wirklich nicht pferdegerecht ist, werden wir zukünftig sicherlich vermehrt in den Fokus der Tierschutzorganisationen geraten!

Dies soll nicht, auch wenn es manchmal so klingen mag, ein Rundumschlag auf die Körkommissionen der Verbände sein, sondern einfach das Zuchtgeschehen im Rahmen der Körungen ungeschminkt beleuchten.

Positive Aspekte

Diesbezüglich gibt es aus der Szene aber auch Positives zu berichten. Darunter zwei Beispiele, die uns ganz besonders aufgefallen sind. Anläßlich der SF-Körungen in Saint-Lô in der Normandie, werden von 2 Expertengruppen die Entscheidungen bezüglich des Freispringens innerhalb 1 Minute im Detail auf der Leinwand veröffentlicht. Also kein Spielraum für Einflussnahme des Verbandes auf die Körentscheidung. Ein Musterbeispiel von Kompetenz und Transparenz! Ähnlich positives Richten stellten wir fest beim KWPN in Ermelo in den Niederlanden beim Richten der Nachwuchspferde. Unabhängig von Rang und Namen des Reiters, ob Olympiasieger oder ländlicher Reiter, werden die Ritte fachmännisch bewertet und kommentiert. Aber es gibt sicherlich anderswo auch noch viel Positives zu berichten. Diese vorerwähnten Beispiele sollen einfach nur als Musterbeispiel dienen. Weitere Aufzählungen würden sicherlich den Rahmen dieser Kör-Diskussion sprengen.

NEUE PERSPEKTIVEN

Was hat uns dazu bewogen das Freispringen aus dem Programm der Körung, sowohl für Spring- wie auch Dressurpferde, komplett zu streichen?

Pferdegerechte Aufzucht

Die Hengste brauchen nicht zum 1. Juli aufgestallt zu werden, sondern können bis Ende Herbst mit ihren Jahrgangsgefährten den Weidegang und somit ihre Jugend genießen. Zudem bräuchten sie nicht mit Kraftfutter vollgepropft zu werden, sondern könnten im Winter langsam, ihrem Alter entsprechend, an den Sattel und den Reiter gewöhnt werden.

Die Körung würde erst Ende Februar stattfinden. Dann werden alle Hengste, die im laufenden Jahr das Alter von 3 Jahren erreichen, an der Hand auf festem Untergrund (Typ, Schritt, Trab) vorgestellt. Hinzu kommt das Freilaufen in der Halle (Trab, Galopp). Das Freispringen entfällt komplett! Dann entscheidet die Jury, ob der Hengst eine Zulassung zur 2. Phase erhält, welche im Monat Oktober desselben Jahres stattfindet.

Neuer Körungsmodus

Im Monat Oktober (2. Phase) findet erneut eine Bewertung mit Vorstellung an der Hand auf festem Untergrund (Typ, Schritt, Trab) statt. Anschließend werden die Grundgangarten unter dem Reiter mit anschließendem altersgerechten Parcoursspringen begutachtet. Hier entscheidet dann die Jury über die definitive Körung. Hengste, welche im Monat Februar bei der 1. Vorstellung keine Zulassung erhielten, können nach Ermessen des Hengsthalters nochmals vorgestellt werden. (Dies z.B. wenn auf Grund des fortgeschrittenen Alters das äußere Erscheinungsbild sich positiv entwickelt hat.) Dann erfolgt die Bewertung und Entscheidung der Jury wie bei den Hengsten, welche im Februar ihre Zulassung zur 2. Phase erhielten.

4-jährige und ältere Hengste können sowohl im Februar als auch im Oktober vorgestellt werden: nebst Vorstellung an der Hand, altersgemäßes Vorreiten und dem Alter entsprechendes Parcoursspringen. Hier entscheidet dann die Jury ob der Hengst gekört ist oder nicht. Das gleiche Verfahren gilt für Dressurhengste wobei natürlich eine altersgemäße Dressurvorstellung anstatt des Parcoursspringens gefragt wird (Niveau einer Reitpferdeprüfung).

Die Körung des Jahres 2019, welche ursprünglich am 26. Januar 2019 stattfinden sollte, wird in dieser Übergangsphase nach obigen Kriterien im Monat Oktober 2019 stattfinden.

Dort wird dann nach transparentem System, durch eine kompetente Jury, öffentlich das Pferd unter dem Reiter bewertet: Wie sieht es aus mit der Rittigkeit? Ist das Pferd schon im Gleichgewicht? Wie trägt es den Reiter? Ist es vom Durchschnittsreiter einfach zu bedienen, usw? Auch abgefragt wird das Parcoursspringen, anhand dessen die Jury dann die entsprechende Veranlagung erkennen soll respektiv die Körentscheidung treffen wird.

Diese Neureglung bedingt zusätzliche Arbeit für junge Ausbilder und somit schließt sich der Kreis zur Reiterschaft. Dieses Vorgehen erlaubt es potentiellen Kaufinteressenten, junge Hengste als dreijährige oder älter unter dem Sattel zu sehen und von einer kompetenten und komplett neutralen Jury eine Einschätzung als Dressur- oder Springpferd zu erlangen.

Transparente Bewertung

Da die Kommission auch weiterhin selektiv in Bezug auf das Exterieur, sowie elastische Grundgangarten sein wird, ist es selbstverständlich, dass nicht jeder Hengst gekört werden wird. Dieses System erlaubt es den Züchtern, seine Hengste den Reitern in den Beritt zu geben und anhand der Körung Erkenntnisse über den Hengst zu erhalten bezüglich seines zukünftigen Einsatzes als Spring- oder Dressurpferd. Dies sind neue Vermarktungschancen für junge Remonten. Die potentiellen Käufer können dann durch die Jury ein komplett objektives, wertneutrales Bild bezüglich der Veranlagung des Pferdes erhalten. So wird verhindert, dass dubiose Händler, welche Pferde mittels Hilfszügel und nicht altersgerechter Beizäumung in ein Zwangskorsett stecken, diese auf die Schnelle zum Verkauf anbieten.

Diese Art der Ausbildung könnte man durchaus auch auf 3- und 4jährige Wallache und Stuten ausdehnen, um dem Züchtern sowohl Hilfestellung beim Verkauf zu geben, respektiv eine Einschätzung der Jury bezüglich der Qualität einer Stute zwecks späterem Einsatz als Zuchtstute zu erlangen. Dies könnte in einer späteren Phase geschehen.

Schlussendlich muss der Züchter sowieso sein Zuchtprodukt zwecks Vermarktung einreiten lassen und durch dieses innovative System, angeboten vom Zuchtverband, erhält er eine transparente Einschätzung der Qualität seines Zuchtproduktes.

Platen, im Januar 2019
Der Präsident des Stud-Book du Cheval de Selle Luxembourgeois
André NEPPER



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